Xhaka und Shaqiri – und was wirklich peinlich ist

«Statt uns über einen grossen Sieg zu freuen, suchen wir Schweizer wieder einmal das Haar in der Suppe.» Solche und ähnliche Kommentare dominierten die Schweizer Medien in den vergangenen 24 Stunden. Sie untermauern das helvetische Paradigma, lieber wegzuschauen, als sich einem Konflikt zu stellen. Zeit für eine kleine Nachbetrachtung – aus persönlicher und kommunikativer Sicht.

Kulturen
In meiner ersten Berufskarriere als Pädagoge hatte ich täglichen Kontakt mit Familien aus Ex-Jugoslawien, nicht nur, aber besonders oft mit solchen aus dem Kosovo. Sie haben mein Herz mit ihrer aufrichtigen Warmherzigkeit im Sturm erobert. Rund 25 Jahre später bilanziere ich: Menschen aus dem Kosovo, aus Kroatien, aus Bosnien-Herzegovina, aus Serbien und sämtlichen Regionen des Balkans sind längst Teil der Schweiz, geschätzt, willkommen und nicht mehr wegzudenken – wie Italiener, Spanier, Portugiesen und sehr viele mehr. Wir Schweizer sind aus Überzeugung multikulturell. Dies trifft selbstverständlich auch für unsere Fussballnationalmannschaft zu. Sie ist deshalb so gut, weil sie multikulti ist, die Jungs aus Ex-Jugoslawien, die traditionellen Schweizer und diejenigen mit spanischen, afrikanischen oder südamerikanischen Wurzeln sind eine tolle Einheit – nicht nur, aber auch dank unserem multikulturellen Nationaltrainer. Diesen Sachverhalt Nr. 1 sollten wir nicht antasten, wenn wir über die Geschehnisse vom Freitagabend diskutieren.

Geschichte
Unzählige Menschen sind von den schrecklichen Kriegen und Konflikten in Ex-Jugoslawien betroffen – auch die Familien unserer Fussballer. Als privilegierte Schweizer sind wir kaum in der Lage, wirklich mitzufühlen, wir können nur so gut es geht in Wort und Tat unsere Solidarität ausdrücken. Mediale und persönliche Berichterstattung lassen uns ahnen, wie schlimm die Geschehnisse waren und wie tief Trauma und Wunden bis heute sind. Und wir verschliessen nicht die Augen vor der Tatsache, dass unsere Jungs vor und während dem Spiel provoziert wurden, teilweise auf schwer erträgliche Weise. Auch diesen Sachverhalt Nr. 2 sollten wir nicht antasten, wenn wir über die Geschehnisse vom Freitagabend diskutieren.

Heimatliebe
Als Doppelbürger geht es mir wie Millionen anderer Menschen auf der Welt: Das Herz schlägt für mehr als eine Nation, und die Zuneigung lässt sich emotional nicht immer kontrollieren. Spielt die Schweizer Eishockey-Nati gegen die deutsche, bin ich Schweizer, spielt die deutsche Fussballnationalmannschaft gegen die schweizerische, bin ich Deutscher. Das hat mit Kindheit, mit Biografie sowie tief versteckten Emotionen zu tun und bleibt ein unergründliches Geheimnis. Im Wissen um die Komplexität der persönlichen Identität sollten wir von eingebürgerten Fussballern nicht verlangen, dass sie sich ausschliesslich als Schweizer fühlen und ausdrücken. Ich finde nicht, dass sie die Nationalhymne mitsingen müssen, und ich finde es völlig in Ordnung, wenn Shaqiri mit einem schweizerischen und einem kosovarischen Fussballschuh spielt. Und wenn Granit Xhaka nach seinem Tor sagt, er habe mit seiner Geste seine Familie im Kosovo grüssen wollen, wäre auch dies kommentarlos zu respektieren – wenn es denn wahr wäre.  Ja, auch diesen Sachverhalt Nr. 3 sollten wir nicht antasten, wenn wir über die Geschehnisse vom Freitagabend diskutieren.

Fussball
Es ist falsch, kritischen Menschen zu unterstellen, sie würden ein Haar in der Suppe suchen. Auch wer über den Tellerrand hinausdenkt, ist fähig, die fussballerische Leitung als das zu würdigen, was sie war: schlicht grossartig! Wie die Schweizer Fussballer in der zweiten Halbzeit die Initiative übernommen und Power-Fussball zelebriert haben, war Weltklasse. Die Tore von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri waren es auch. Genauso wie die Leistungen des jungen Manuel Akanji oder diejenige von Yann Sommer. Vielleicht erleben wir derzeit die beste Schweizer Fussball-Nati aller Zeiten. Das macht Spass und darf ausgelassen gefeiert werden. Sachverhalt Nr. 4, den wir nicht antasten sollten, wenn wir über die Geschehnisse vom Freitagabend diskutieren.

Was uns stören darf
Bei aller Wertschätzung und allem Verständnis für die genannten Fussballer finde ich nicht, dass wir die aggressiven Gesten auf dem Platz tolerieren sollten. Wir sollten uns auch nicht unwidersprochen erzählen lassen, es sei nur um Fussball und einen Gruss an die Familien zu Hause gegangen. Die Gesichter haben eine ganz andere Sprache gesprochen, und gerade Xherdan Shaqiri fällt in diesem Kontext nicht zum ersten Mal auf. Ich erlaube mir, an Männer zwischen 25 und 30, die in München, Mailand und London gelebt und einiges von der Welt gesehen haben, einen gewissen Anspruch an komplexes Denken, Souveränität und Vorbildbewusstsein zu stellen. Ich stelle ihre Heimatliebe, Geschichte und tiefe Betroffenheit nicht in Frage, und bin mir bewusst, dass sie verletzt wurden. Trotzdem erwarte ich von ihnen, dass sie aggressive Gesten auf dem Fussballplatz unterlassen. Und dies aus einen einzigen Grund: Von Millionen von Zuschauern am Fernsehen erlebt, schüren solche Gesten den Konflikt weiter. Dies ist zu unterbinden!

Der wahre Skandal
Ich kann rund um diese äusserst emotionale Geschichte einiges einordnen und sogar nachvollziehen, eines aber bleibt mir unverständlich: Weder der Schweizer Fussballverband noch der Bundesrat sind auch nur annähernd in der Lage, ein klares Statement abzugeben. Von der Sache komplett überfordert, verkennen sie den Hintergrund und stellen sich vorbehaltlos hinter den «emotionalen Jubel»: «Jeder ist frei, seine Freude und Emotion so auszudrücken, wie es ihm passt» (Zitat Bundesrat Guy Parmelin).

Geschätzter Herr Bundesrat, dieses Statement ist schwach und öffnet weiteren politischen Provokationen auf dem Fussballplatz Tür und Tor! Ihrem Amt und Ihrer Verantwortung entsprechend, hätten Sie heute ein anderes Statement abgeben müssen. Etwa so: «Wir sind begeistert von der Leistung der Schweizer Fussball-Nati und gratulieren insbesondere unseren beiden Torschützen. Gleichzeitig halten wir fest, dass wir in Zukunft im Schweizer Trikot keine Provokationen, insbesondere politisch motivierte, mehr sehen wollen.»

Herzlich
André Kesper

André Kesper beschäftigt sich seit 30 Jahren intensiv mit Biografien und pointierter Kommunikation: als Werber, Moderator und Ghostwriter. Zudem arbeitet er als Headhunter und Experte für Bildungsevaluation. Sein Credo: «Ausstrahlung ist die Folge geklärter Identität.» Sie finden André Kesper hier.

Ein Kommentar zu „Xhaka und Shaqiri – und was wirklich peinlich ist

Gib deinen ab

  1. Bravo André, so klar hätte ich mir gewünscht dies nach diesem Faux-Pas irgendwo in den Medien zu lesen. Zum Glück gibts noch Blogs wie den Deinen … Immerwieder spannend Deine/Eure Ansichten zu lesen. bin zwar nicht aus Prinzip gleicher Meinung aber gerne zu einem Diskurs bereit 🙂
    Beste Grüsse – Chrigel

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