Vom Leben (bzw. der Verkäuferin) bitter enttäuscht!

Sorry, aber diese fiese Enttäuschung zum Wochenstart muss ich mit Ihnen teilen. In der Hoffnung, dass Sie mich verstehen, mich vielleicht aus der Ferne mental unterstützen oder mindestens bemitleiden. Das Leben – nein, nicht das Leben, sondern nur eine völlig emotionslose Serviceangestellte! – hat mich bitter enttäuscht, demoralisiert, beschädigt, aller Illusionen und Fantasien beraubt.

Die Geschichte hat sich heute genau so zugetragen: Ich hatte einen anspruchsvollen Vormittag und gedachte, mich gegen elf in einem der lieblichsten Cafés unserer hässlichen Stadt bei einer Tasse Tee und einer süssen Spezialität (das Café ist für seine Schoko-Hüppen bekannt) zu entspannen. Irgendwo in meinem Hinterkopf war gespeichert, dass das Angebot an speziellen Teemischungen besonders reichhaltig sei.

Schwarze Magie oder Süsser Bär?
Und siehe da: Unter dem grafisch edel verzierten Titel «TEEZEREMONIEN» wurden mindestens zehn verlockende Tees mit ebensolchen Namenkreationen angeboten:

  • Schwarze Magie
  • Süsser Bär
  • Buddhas Liebling
  • Erdbeerkuss
  • Früchterevolution

und viele mehr. Einer der Tees (Rooibos mit Orangenschale und Zimtstangen) hiess sogar «Sei gut zu dir». Und genau das hatte ich jetzt vor! Zurücklehnen – Augen schliessen – Aroma atmen – schlürfend einen Hauch Liebe kosten – neue Energien tanken. Ich bestellte euphorisch den «Zaubertrank» (mit frisch gepflückter Pfefferminze) und sah mich im Geist mit neuer Kraft auffahren und einem dynamischen Nachmittag entgegen stürmen.

Die Serviceangestellte dürfte knapp 30 Jahre alt gewesen sein. Freundlich, aber pragmatisch. Sie nahm meinen Wunsch entgegen und antwortete zu meinem blanken Entsetzen lakonisch und bar jeder Emotion:

«Okay, einen Pfefferminztee.»

«Neeeeeeiiiiiin!» schrie mein wundes Herz tief getroffen. «Ich will keinen Pfefferminztee, ich will und brauche jetzt einen Zaubertrank! Einen frisch gebrauten, mit geheimen Zutaten, der mir ungeahnte Kräfte verleiht.» Über die Lippen kam mir allerdings nur ein ängstliches «Hmmm, also, einen Zaubertrank gerne». 

Die Verkäuferin verpasste auch jetzt Ihre Chance. Ich hätte ihr verziehen, wenn sie sich wenigstens im zweiten Anlauf als empathische Storytellerin entpuppt hätte. Sie hätte bezaubernd lächeln und antworten können:

  • «Sie sehen so frisch und voller Energie aus, dass ich Ihnen zunächst gar nicht geglaubt habe, dass Sie einen Zaubertrank benötigen» oder:
  • «Klar, ich schaue nur schnell nach, ob unser Magier heute schon frisches Kraut gepflückt hat» oder:
  • «Wow, haben Sie diese Woche grosse Pläne, dass Sie schon am Montagvormittag einen Zaubertrank bestellen?»

Es hätte auch viel schlichter sein dürfen. Keine grosse Story. Einfach irgendetwas Liebes. Etwas Aufmunterndes. Augenzwinkerndes. Etwas, das meinem erschöpften Geist gutgetan hätte. Sie hätte nur ganz kurz das Spiel mitspielen müssen. Meine Illusion erhalten. Wissen Sie, was sie stattdessen sagte?

«Ah, das ist ein ganz normaler Pfefferminztee …»

Ihr Arbeitgeber hat mit fantasievollen Namen und Beschreibungen die Basis für ein einfaches, aber wirkungsvolles Storytelling gelegt. Emotional, spielerisch, liebevoll. Und Sie? Ignorierte den poetischen Namen und degradierte den Tee auch gleich noch zum «normalen» Pfefferminztee, als ob er nicht mit frischen Kräutern, sondern mit einem Beutel zubereitet würde. In Sekundenschnelle hat sie den ganzen Zauber gnadenlos zerstört:

  1. Ich schlürfte den Tee lustlos und verliess das Café nach zehn Minuten, ohne auszutrinken.
  2. Ich wurde den ganzen Tag nicht mehr richtig glücklich (Mitleid erwünscht).
  3. Ich weiss jetzt, dass sich hinter den überraschenden Bezeichnungen 08/15-Produkte verstecken.
  4. Ich nehme an, dass dies auch für die anderen Produkte in diesem Café zutrifft.
  5. Ich werde morgen (und übermorgen) andere Cafés aufsuchen.

Fazit: Kreative Ideen zu entwickeln, braucht viel Zeit. Zerstört sind sie in Sekundenbruchteilen. Zum Beispiel von emotionslosen Mitarbeitenden.

Herzlich
André

PS: Storytelling ist kein grosser Zauber. Man kann es lernen, und es macht Spass 😉

André Kesper hat als Werbetexter vier Award-Nominationen gewonnen und führt mit seiner Partnerin, der Innenarchitektin Eva Rebekka, gemeinsam die Agentur Kesper Wegelin AG in Winterthur. Zudem arbeitet er unter dem Motto «Ruhig die Besten wählen» als freier Headhunter.

4 Kommentare zu „Vom Leben (bzw. der Verkäuferin) bitter enttäuscht!

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  1. Starke Anekdote, herrlich. Das Problem könnte aber auch an einem anderen Ort liegen: Dass sich Mitarbeitende manchmal mit zu grossmundigen Versprechen der Geschäftsführung unwohl und sich als Gastgeber verpflichtet fühlen, den Gast nicht zu sehr in die Irre zu führen.

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