Gehen Frauen wirklich fremd?

Die Journalistin Michèle Binswanger und ihr «Handbuch für Frauen» sind derzeit in aller Munde. Kein Schweizer Medium, das nicht darüber berichtet, die PR-Maschine des Verlags läuft perfekt auf Hochtouren. Erstaunlich: Dass sich Frauen ab und zu ausser Haus ein erotisches Vergnügen gönnen, scheint ein überraschend weltbewegendes Thema zu sein. Was mich als Texter und Werber allerdings noch viel stärker irritiert, ist die Wahl von Titel sowie Titelbild. «FREMDGEHEN» mit rotem, leicht geöffneten Mund …

Wenn Frauen ein erotisches Abenteuer mit jemandem geniessen, der nicht ihr fester Partner (oder ihre feste Partnerin) ist, gehen sie also «fremd». Der Begriff «fremdgehen» suggeriert mir:

  • Frauen gehen mit «Fremden» mit.
  • Was ausserhalb der festen Beziehung ist, ist «fremd».
  • Die feste Beziehung wird nie «fremd».
  • Erotisches Vergnügen hat etwas Dunkles und Unnatürliches an sich.

Entspricht dies dem Selbstverständnis der Frau von heute?
Oder wäre es an der Zeit, dass selbstbewusste Frauen Begriffe, die sie selbst betreffen, neu definieren? Würden die folgenden Ausdrücke (oder Buchtitel) Emotionen sowie Realitäten nicht besser beschreiben?

  • Abenteuer planen und geniessen
  • Nach Lust und Laune lieben
  • Erotische Freiheiten geniessen
  • Parallelbeziehungen gestalten

Mein Fazit: Frauen haben ihr Selbstverständnis sprachlich noch nicht ausformuliert. Nun liesse sich natürlich bemerken, «fremdgehen» sei eben ein etablierter Begriff, der kein Äquivalent habe und nicht wörtlich verstanden werden dürfe. Kann ich nachvollziehen. Nur – was sagt mir denn das Titelbild?

  • Wenn Frauen etwas wollen, dann müssen sie verführen.
  • Ihr stärkstes Argument ist ein lasziver Kussmund.
  • Erotik ist rot und grell.

Wieso um alles in der Welt ist auf einem Handbuch des Fremdgehens für Frauen nicht das Objekt der Begierde abgebildet (ausser das Objekt der Begierde sei eine Frau, dann geht für mich die Bildsprache auf)? Es müsste ja nicht zwingend ein männlicher Körper sein, auch eine angedeutete Fantasie zu Ort, Spielzeug oder Ambiente wäre naheliegend.

Selbstverständlich überlasse ich es der Frau, wie sie ihre Rolle verstehen und welche Assoziationen sie in Wort und Bild verwenden möchte. Eins aber steht fest:

Worte und Bilder haben Kraft, und es lohnt sich, sie mit Bedacht zu wählen.

Herzlich
André Kesper

André Kesper hat als Werbetexter vier Award-Nominationen gewonnen und führt mit seiner Partnerin gemeinsam die Agentur Kesper Wegelin AG in Winterthur. Nebenbei arbeitet er unter dem Motto «Ruhig die Besten wählen» als freier Headhunter. 

 

2 Kommentare zu „Gehen Frauen wirklich fremd?

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  1. Der Artikel gefällt mir! Auch ich fand das Cover irritierend. Wie auch der Medienrummel um nicht gerade neue Erkentnisse. Der vorgeschlagene Titel „Erotische Freiheiten geniessen “ oder aber „Paralellbeziehungen gestalten“ spricht mich an. Vom „Planen und Gestalten eines Abenteuers“ würde ich allerdings lieber absehen, weil der rationale Einsatz dem Abenteuerlichen abträglich sein könnte.

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